Der Lebenslauf ist nicht das Leben

Der Lebenslauf ist nicht das Leben

In den USA gibt es die Tradition der Commencement Speech. Erfolgreiche Ehemalige oder andere Repräsentanten der Gesellschaft sprechen auf der Abschlussfeier zum Absolventenjahrgang einer Universität. Einige dieser Reden haben nahezu Kultstatus erlangt, weil ihre eindringliche Botschaft so überzeugend und so nachhaltig ist. Eine davon möchte ich euch zum Nachlesen ans Herz legen, da sie Entscheidungshilfe sein kann bei anstehenden Veränderungen im beruflichen Lebenslauf.

2008 hält auch „Harry-Potter“-Autorin Joanne K. Rowling vor Harvard-Absolventen solch eine Rede. Ihr Thema: Fringe Benefits of Failure, and the Importance of Imagination – über den Nebenbei-Nutzen von Misserfolgen und die Bedeutung von Vorstellungskraft. Sie selbst sei in jungen Jahren beruflich und privat grandios gescheitert, erzählt sie, obwohl das ihre größte Angst war in jener Zeit. Geschieden, alleinerziehend, nach dem Studium ohne Anstellung. Aber erst dieses Scheitern machte möglich, dass sie sich auf das Wesentliche konzentrierte. Erst jetzt, wo sie nichts mehr zu verlieren hatte, konnte sie sich ganz auf sich selbst besinnen und ihren Fähigkeiten vertrauen. Die sein, die sie wirklich war. Sie entdeckte, dass sie einen starken Willen besaß und mehr Disziplin zeigte, als sie selbst von sich erwartet hätte. Schließlich tat sie das, was sie am liebsten tat und eigentlich schon vor dem Studium machen wollte, nämlich Geschichten schreiben.

Den Absolventen gibt sie die Erfahrung weiter:

„Das Leben ist keine Liste von Errungenschaften und Erreichtem. Ihre Qualifikationen, Ihr Lebenslauf, das ist nicht das Leben, obwohl Sie genug Menschen in meinem Alter treffen werden, die beides verwechseln. Das Leben ist schwierig und kompliziert, und von niemandem total kontrollierbar, und erst wenn Sie das in aller Bescheidenheit wissen, können sie die Unbeständigkeiten des Lebens überstehen.“

Den zweiten Teil ihrer Rede widmet Rowling der Vorstellungskraft als einzigartiger menschlicher Fähigkeit, das sichtbar zu machen, was nicht da ist. Deswegen sei das Talent zur Imagination die Quelle aller Erfindungen und Neuerungen. Ohne dass er eine bestimmte Erfahrung tatsächlich selbst machen muss, sei der Mensch in der Lage, zu lernen und zu verstehen. Vorausgesetzt, er lässt sich darauf ein: sich etwas vorzustellen, was über die eigene Erfahrung hinausgeht. Für die Schriftstellerin war und ist diese Begabung natürlich die Basis aller Kreativität. Aber auch für andere Berufe und Berufungen ist sie wertvoll (Rowling schildert sehr eindrucksvoll die für Amnesty International arbeitenden Menschen, die Gefolterten und Inhaftierten in der ganzen Welt helfen, einfach, weil sie sich deren Leid vorstellen können). Und wer nie seine Vorstellungskraft trainiere, bleibe immer in der eigenen Erfahrungswelt gefangen und würde nie erfahren, wer oder was man sein könne.

Rowlings Rede ist nun schon elf Jahre alt, trotzdem noch sehr aktuell – und sie passt perfekt hierher. Menschen mit einem sehr wechselvollen Lebenslauf haben die Erfahrung des Scheiterns vielleicht bereits hinter sich. Sie kennen aber auch das positive Erlebnis, dass der Wandel des Bestehenden durch die Vorstellungskraft angestoßen wurde und wertvolle Erfahrungen mit sich brachte. Wer vor der Entscheidung steht, welchen Weg er weiterhin verfolgen will, der kann sich von J.K. Rowling klugen Rat holen.

Im englischen Wortlaut ist ihre Rede hier nachzulesen und zu hören.

Fotocredit: Digwen/Pixabay

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